Die Horizonterweichung des Erzählers

Januar 27th, 2012

Zuverlässige und nicht ganz so zuverlässige Romanfiguren

Bei der Erzählperspektive, dem point of view wird gerne zwischen zwei Typen von Erzähler unterschieden: dem zuverlässigen und dem unzuverlässigen. Fast alle Romane arbeiten mit zuverlässigen Erzählern. Der Grund ist einleuchtend: Der Leser legt am Anfang des Buchs seinen Unglauben ab, er lässt sich auf die Geschichte ein und erwartet im Gegenzug vom Erzähler ehrliche Auskunft über die Ereignisse.

Zuverlässigkeit ist hierbei die Seite des Geschäfts, die Sie als Autorin oder Autor erfüllen. Interessant und wirklichkeitsnäher wird die Sache dann, wenn Sie sich Zuverlässigkeit und Unzuverlässigkeit als Pole eines Kontinuums vorstellen – und Ihren Erzähler sich auf diesem Kontinuum bewegen lassen, mal mehr, mal weniger vom Pol der Zuverlässigkeit entfernt.

Wie das aussehen kann, zeigt etwa Thommie Bayer in seinem Roman »Aprilwetter« (Piper 2009). Es ist nicht mehr als ein Wort, ein Euphemismus, mit dem der POV-Charakter Benno die eigene Volltrunkenheit und das drohende Abgleiten in den Alkoholismus beschönigt.

Janet malte wie besessen auf ein Ausstellung hin, die sie in Kalifornien, in einem Ort namens Davis in Aussicht hatte, und Benno ließ sich von Nicks und Stephens Elan anstecken und arbeitete mit bei der Renovierung der Lounge, kellnerte dann eine Zeit lang, bis er die Bar übernahm, an der er allerdings immer nur in den ersten Stunden des Abends seinen Aufgaben gewachsen war – ab zehn, halb elf befand er sich in einer Art Schwebezustand, in fortgeschrittener Horizonterweichung, die Nick und den anderen nicht lange verborgen blieb und, nach einigen Abrechnungsfehlern und Beschwerden von Gästen, zu einer Versetzung an eine harmlosere Stelle geführt hätte, wäre nicht ohnehin die neu zusammengestellte Hausband in Aktion getreten. (S. 166)

(Randnotiz: Bayer zeigt hier auch, dass lange Sätze nicht per se verurteilenswert weil unverständlich sind.)

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Horizonterweichung. So ein Euphemismus ist der erste Schritt vom Pol der Zuverlässigkeit weg. Gleichzeitig aber wird dadurch der Charakter realistischer. Menschen neigen nun mal dazu, sich selbst zu belügen, ihre Fehler zu beschönigen. Überzeugend wird das in Bayers Roman dadurch, dass Benno immer wieder dieses so harmlos klingende Wort für einen ganz und gar nicht harmlosen Zustand verwendet – so schreibt er eine Seite nach dem Beispiel oben von »verstärktem Erweichen«.

Wagen Sie sich mit Ihren Charakteren ruhig häufiger vom Pol hundertprozentiger Zuverlässigkeit weg. Gnadenlose Ehrlichkeit ist erstens unrealistisch und zweitens auf Dauer langweilig.
Für den Leser ist es interessant, herauszufinden, wann der ansonsten so zuverlässige Charakter lügt oder, interessanter noch, wann er nicht die ganze Wahrheit sagt, wenn er absichtlich etwas verschweigt oder etwas beschönigt.
Auch als Identifikationsmodell funktioniert ein leicht unzuverlässiger Erzähler besser. Weil er Schwächen hat und dem Leser dadurch näher kommt.

Doch Vorsicht: Die Grenzen, wann Ihr Erzähler nicht mehr als zuverlässig wahrgenommen wird, frei nach dem Motto »Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht«, diese Grenzen sind fließend.
He, ich habe nie gesagt, Schreiben wäre ein Zuckerschlecken. Jemandem, der so etwas behauptet, sollten Sie nicht trauen.

SW

(c) Stephan Waldscheidt 2012

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??? Meine Frage an Sie: Wie lässt sich Unzuverlässigkeit des Erzählers noch darstellen? Warum funktioniert das? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …