Harndrang auf der Zugspitze
Mai 18th, 2012Wie das Banale und das Gewaltige zusammen Ihren Roman besser machen
Thien musste mal. Es half alles nichts, das war schon immer so gewesen. In der Volksschule in Partenkirchen, später auf dem Werdenfels-Gymnasium. Immer, wenn es brenzlig wurde, sei es, dass eine Mathematik-Prüfung anstand oder er beim Sportfest zum Hochsprungstechen über 1,80 Meter gegen den fast drei Köpfe größeren blonden Lokalmatador der Leichtathletik-Gemeinschaft Garmisch antreten musste, Thien Hung Baumgartner musste erst einmal pinkeln.
Ein menschliches Bedürfnis plagt den Helden des Romans »Kreuzzug« von Marc Ritter (Droemer 2012). Gerade in seiner Banalität erfüllt Thiens Harndrang eine wichtige Funktion: Der Roman wird dadurch geerdet. (Wie wichtig das ist und wie Sie das anstellen, erkläre ich ausführlich in den drei Artikeln »Der Reality-Check für Ihren Roman«, die hier starten: »Das Wunderbare an einer Kniegelenk-OP«)
Hier aber ist etwas noch wichtiger als die bloße Erdung in der Wirklichkeit. Das erschließt sich, wenn man weiß, worum es in dem Thriller von Marc Ritter geht. Das sagt der Klappentext, der statt Marketing-Blabla ausnahmsweise einmal den Inhalt recht gut und wahrheitsgemäß wiedergibt:
Ein irrer Plan geht auf.
Attentäter sprengen den Tunnel der Zugspitzbahn. Der Zug: mittendrin.
Dann stürzt die Seilbahn ab.
5.000 Menschen auf dem Gipfel sind Geiseln.
BKA, Bundeswehr und CIA scheitern.
Doch niemand rechnet mit Thien Hung Baumgartner, der den Berg wie seine Westentasche kennt.
Ein klassischer High-Concept-Plot – im Kino ist das Blockbuster-Material. Um dem Leser Zugang zu diesem riesigen Panorama zu geben, statt nur mit Masse, Zahlen und Überblicken zu hantieren, braucht es dieses Menschliche. Thien sitzt in der Zugspitzbahn fest, zusammen mit zweihundert anderen, bewacht von hoch professionell auftretenden Terroristen. Und er muss aufs Klo.
Oberflächlich verschafft der Autor dem Leser damit Zugang zu seinem Helden. Blickt man tiefer, verschafft der Autor dem Leser damit Zugang zu seinem Roman.
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Aber Vorsicht. Falls Sie einen Roman schreiben, sagen wir ein Kammerspiel mit zwei, drei Personen, wo sie die Untiefen der Charaktere ausloten, während sie in der Küche beim Abendessen sitzen und sich über scheinbar Triviales unterhalten, in so einer Art von Roman würde Thiens Bedürfnis stören.
Die Wirkung dieses profanen Bedürfnisses beruht in »Kreuzzug« auf dem Kontrast zu dem gewaltigen Konzept (und, wenn Sie so wollen, zu der gewaltigen Masse des Berges, in dem Thien gefangen ist). Kontrast ist, wie ich nicht oft genug wiederholen kann, eines der mächtigsten erzählerischen Mittel überhaupt.
Umgekehrt kann die Sache übrigens auch funktionieren. Dann konfrontieren Sie die Menschen in einer banalen Abendessen-Szene mit etwas Großem, Gewaltigen: Ein Ufo landet im Vorgarten und zwischen Hauptgang (Gulasch und Knödel) und Nachspeise (Quark mit Kirschen) entscheidet sich die Zukunft der menschlichen Rasse.
Oder lassen Sie die so einfach wirkende Familie (Knödel!) über etwas Großes sprechen. Wenn der Mann Arzt ist, könnte er mit seiner Frau über den Tod und die Unsterblichkeit diskutieren. Wenn der Sohn im Konfirmanden-Unterricht ist, fragt er seine Eltern womöglich nach Gott und ihrem Glauben.
Romancheck: Sehen Sie sich Ihren Roman an. High- oder Low-Concept? Finden Sie eine besonders Banale oder besonders Gewaltige Stelle. Kann diese durch den jeweiligen Gegenpol aufgewertet werden? Sammeln Sie Ideen. Entscheiden Sie sich für die, die sich am richtigsten anfühlt, die am besten passt und bauen Sie sie ein.
SW
(C) Stephan Waldscheidt 2012
PS: Hm, der letzte Artikel hatte eine Darmspiegelung im Titel, jetzt Harndrang … Okay, okay, ich bemühe mich, mal wieder erfreulichere Überschriften zu finden …
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PS: Ein Gutachten von Exposé oder einer Textprobe aus Ihrem Roman hilft Ihnen weiter - bevor Sie den Roman schreiben oder zumindest bevor Sie ihn an Agenten oder Verlage schicken. Es erspart Ihnen viel unnötige Arbeit in die falsche Richtung, Zeit und Frustration und wird Ihren Roman deutlich stärker machen. Versprochen.
“Ich bin total beeindruckt mit wie viel Sorgfalt Sie sich mit meinem Text auseinandergesetzt haben. (…) Mein Mann, der noch mehr liest als ich, hat sich Ihr Gutachten inzwischen auch durchgelesen und sagt, als Schreiblaie habe er ganz viel gelernt.” (U. Wohlfahrt)
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??? Meine Frage an Sie: Welche Beispiele kennen Sie, wo dieses Gewaltige und Banale aufeinanderprallen und einen wunderbaren Effekt erzielen? Oder wo sie nicht funktionieren …? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …

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