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Anmerkungen und -maßungen
zu Leben, Sprache, Literatur 2003
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30.12.03 . Die meisten Adjektive entlasten den Autor davon, das treffende Verb oder Substantiv zu finden,
Adverbien entlasten noch mehr - leider nicht den Leser.
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30.12.03 . Ein Zwiebelfisch ist ein Buchstabe einer anderen Schrift, der sich in einen Text eingeschlichen hat.
Der Zwiebelfisch ist ein Bewahrer der guten Sprache mit (Wort-)Witz und gesundem Menschenverstand.
Ich warne Sie: Er könnte sich in Ihr Sprachverständnis und -wissen einschleichen.
Zwiebelfisch - Exklusiv bei SPIEGEL-Online
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18.12.03 . »Als Joseph Beuys die Regel aufstellte, jeder sei ein Künstler, hätte er wenigstens eine Ausnahme machen sollen: die Hobby-Autoren.«
(Tobias Gohlis, Gottes Tochter, ein sturer Hund und böses Blut, Literaturbeilage der ZEIT, Dezember 2003)
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Über die Vernichtung der Sprache
Manche Wörter kann man nicht mehr hören, manche sogar nicht einmal mehr schreiben. Einer meiner Favoriten ist Groß K-, klein -ult.
Unbedacht inflationär gebraucht, hat das Wort mittlerweile jede Bedeutung verloren, außer vielleicht die, uns mitzuteilen, dass dem Wortgebraucher nichts mehr zu sagen einfällt.
Es ist dann so, als ob das Wort gar nicht gesagt und zur reinen Produktion von CO2 wurde. Ein teuflischer Vorgang:
durch die Überbeanspruchung des Wortes fällt es irgendwann für die Sprache gänzlich aus, so dass auch die ehemalige Bedeutung nicht mehr anders ausgedrückt werden kann als über Umschreibungen oder Synonyme.
Mit dem Übergebrauch solcher Worte vernichten wir Stück für Stück unsere Sprache, mehr noch: unser Denken, unser Fühlen, beides untrennbar mit Sprache verknüpft.
Ebenfalls ihren Beitrag dazu leisten triviale Schreibwerke und Filme à la Hollywood. Um seine Gefühle auszudrücken, kann man sich nur noch Klischees bedienen, denn alles wurde schon einmal von einem Filmstar gesagt.
Schlimm: Das ureigene Gefühl wird einem enteignet, indem der inflationäre Gebrauch der es beschreibenden Wörter den Wörtern die Bedeutung nimmt - und damit letztlich auch unseren Gefühlen.
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Der Zynismus des Sprachkrüppels
Das Nichtbeherrschen der Sprache kann zu zynischen Aussagen führen. So wurde die ZDF-Sendung 'Hallo Deutschland' wie folgt angekündigt:
Ein Mann vergeht sich auf der Schultoilette an einer Siebenjährigen.
»Anschließend überlässt er das Mädchen sich selbst.«
(ZDF, 10. 12. 2003, 16:59 Uhr)
Das Mädchen wäre zweifellos besser dran gewesen, es wäre ganz sich selbst überlassen geblieben.
Auf die Spitze getrieben wird die Sprachentgleisung dadurch, dass sie in einem sogenannten 'Teaser' verbrochen wurde, der für die Sendung werben sollte.
Teaser heißt so viel wie 'Scharfmacher' ...
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»Das Wort darf nicht zum Hinhören zwingen.«
(Ein norddeutscher Reformkomissar des ARD-Rundfunks bei Gesprächen zur weiteren Verflachung des öffentlich schlechten Rundfunks; zit. nach DIE ZEIT Nr. 50/2003)
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Autoren sollten für den 'Markt' produzieren. Klingt ökonomisch vernünftig.
Tatsächlich heißt es, dass Autoren (auch das noch) leisten sollen, was die Verlage offenbar nicht (mehr?) können: Bücher vermarkten.
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»Für mich ist Literatur ein permanenter Appell an die Fähigkeit, sich einzufühlen.
Leser sein kann man nicht, ohne Geschichten zu entziffern, und wenn man das tut, dann entziffert man sie in sich selbst.«
Roger Willemsen in einem Interview mit Nina Tesenfitz, 'Obszönes Verhältnis zum Grauen', ai-Journal 12/2003-1/2004.
»Neben jahrelanger Haft und politischer Verfolgung sind Zensur und Publikationsverbote vergleichsweise harmlose Methoden, um missliebige Stimmen zum Schweigen zu bringen.«
Harald Gesterkamp, 'Die Unterdrückung des Wortes', ai-Journal 12/2003-1/2004.
Eine Provokation: Kommt es bei unterdrückten Schriftstellern noch auf die Qualität ihrer Arbeit an?
www.amnesty.de
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»Häufig ist es nicht Unkenntnis, sondern im Gegenteil gerade das sogenannte Wissen, die landläufigen Vorstellungen über die Dinge, die uns vom Erfassen der Wirklichkeit abhalten.«
Wolfgang Held (Die zwei Sonnenwender der Weihnachtszeit, in: a tempo 12/2003)
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Schreiben muss weh tun. Dem Autor immer, und dem Leser tut es manchmal gut, wenn es schmerzt.
Schlechte Literatur verletzt meist nur den Leser.
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»Man kann gewiss nicht alles simpel sagen, aber man kann es einfach sagen.«
Kurt Tucholsky alias Peter Panther (1926)
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Ein Ver(s)dichter der deutschen Sprache. In seinen besten Momenten von ringelnatzschem Format: Michael Schönen.
Gedichte von Michael Schönen im Federzirkel
Gedichte von Michael Schönen im Solana-Theater
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Der Schriftsteller Joseph von Westphalen über die Vorteile seines Berufs: »Es ist eine Wohltat, keine Rücksicht nehmen zu müssen. Man kann die Frauen dicke Beine haben lassen, ohne dass Freundschaften gekündigt werden.«
(SZ 03.11.03)
Das wirklich gute am Beruf des Schriftstellers aber ist, lieber Joseph, dass man die Frauen auch schlanke, lange, wunderschöne Beine haben lassen kann. Ohne, dass Freundschaften (oder Ehen) gekündigt werden.
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Der Deutsche, der auf die Weltgeschichte (nach einer Liste des Mathematikers Michael Hart von 1994) den größten Einfluss hatte, ist nicht Adolf Hitler, sondern der Erfinder des Buchdrucks, Johannes Gutenberg.
Da haben wir noch einmal Glück gehabt.
Unter allen Menschen belegt Gutenberg Rang 8. (Platz 1 wurde Mohammed zugesprochen.) Kauft mehr Bücher und lest sie auch, damit Gutenberg vorne bleibt!
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Der Beruf des Buchhändlers rangiert in Umfragen über die angesehensten Berufe seit vielen Jahren auf einem der hinteren Ränge, etwa bei Versicherungsvertretern und Gebrauchtwagenhändlern.
Verwechseln die Menschen den Buchhändler mit dem Buchmacher? Wahrscheinlich sind die meisten noch nie einem Buchhändler begegnet ...
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Mario Puzos (»Der Pate«) Tipps für einen Bestsellerautor:
1. Schreibe nie in der ersten Person
2. Sprich mit niemandem über deine Arbeit, bevor sie fertig ist.
3. Verkaufe das Buch nicht an eine Filmproduktion, bevor es fertig ist.
4. Umschreiben ist das ganze Geheimnis des Schreibens
5. Führe ein geruhsames Leben
6. Lies viel und geh ins Kino.
7. Traue niemandem außer dir selbst.
(zit. n.: Krämer, W., Schmidt, W., Lexikon der populären Irrtümer, München 1999)
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Aus einem Bericht der Berliner Morgenpost (1999) über die Häufigkeit gesprochener Wörter: »Das haeufigste Substantiv ist 'Zeit'. Dann folgen 'Herr' und 'Leben'. Bezeichnend ist, dass schon an siebter Stelle aller Substantive 'Paragraf' folgt und damit 'Liebe' hinter sich lässt.«
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Erstveröffentlichung © 2003 SW
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