Der Einhändige und der Staubsaugtrieb
Donnerstag, Februar 16th, 2012Die Funktionen von Triggern in Ihrem Roman
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Kennen Sie den Film und das Musical »Der kleine Horrorladen«? (USA 1986; Regie: Frank Oz; Drehbuch: Howard Ashman, Charles B. Griffith). Wenn nicht, ansehen und anhören, der Film ist wesentlich witziger als die überbewertete »Rocky Horror Picture Show« und die Musik ist sowieso besser. Steve Martin spielt darin die Rolle seines Lebens, den sadistischen Zahnarzt Orin Scrivello. Und, Vorsicht Kalauer, Martin trifft damit nicht nur den Nerv des Zuschauers, sondern auch die Nerven seiner Patienten.
Wissen Sie, wo die empfindlichste Stelle Ihres Charakters ist? Diesen Schmerzpunkt zu kennen, leistet dem Autor gute Dienste, etwa in Dialogen (siehe dazu meinen Artikel Die punktuelle Angst vor einer Affäre).
Der Schmerzpunkt ist ein Sonderfall eines Triggers, eines Reizauslösers, der in Ihren Charakteren für eine bestimmte Reaktion sorgt. Sie finden solche Trigger genau wie die Schmerzpunkte vor allem in der Vorgeschichte, der Backstory der Charaktere. Während Schmerzpunkte, wenig überraschend, Schmerzen auslösen, können Sie mit Triggern andere, ganz spezifische Verhalten bewirken und so für Dramatik und Konflikt sorgen und zugleich Teile der Backstory andeuten oder enthüllen.
Das klassische Beispiel sind Phobien: Ihr Held sieht eine Wollmaus und springt schreiend auf den nächsten Stuhl, von wo aus er nach seiner Frau und dem Staubsauger ruft.
In Dean Koontz‘ Roman »The Key to Midnight« (Headline 2007, 1979, 1995 / eigene Übersetzung / dt. »Schlüssel der Dunkelheit«, erschienen unter dem Pseudonym Leigh Nichols) löst eine Begegnung in einem Museum bei der Heldin Joanna eine extreme Reaktion aus. Sie halluziniert. Und was sie sieht, gibt dem Leser einen Einblick in verschüttet geglaubte Ereignisse aus ihrer Vergangenheit.
Eine weitere Gruppe schnatternder Touristen kam um die Ecke und näherte sich hinter Joanna. Sie wandte sich ihnen zu, benutzte sie als eine Vorwand, ein paar Sekunden Alex‘ Blick auszuweichen, um ihre Fassung wiederzugewinnen, aber was sie sah, ließ sie nach Luft schnappen.
Ein Mann ohne rechte Hand.
Keine sieben Meter entfernt.
Und er kam auf sie zu.
Ein. Mann. Ohne. Rechte. Hand.
(…)
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Alex, der die plötzliche Angespanntheit in ihr bemerkte.
Sie konnte nicht sprechen.
Der einhändige Mann kam näher.
Fünf Meter.
Sie roch Desinfektionsmittel. Alkohol. Lysol. Laugenseife.
[unten geht’s weiter …]
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Für Joanna triggert der Anblick des fremden Manne, dem die recht Hand fehlt, eine olfaktorische Halluzination, sie riecht Desinfektionsmittel und anderes. Ganz klar, ein einhändiger Mann hat ihr in ihrer Vergangenheit etwas angetan, vielleicht im Zusammenhang mit einer Operation oder in einer Klinik, wie die Gerüche vermuten lassen, die sie sich einbildet.
Koontz zeigt mit diesem Trigger zweierlei: Joanna hatte ein Erlebnis mit einem einhändigen Mann in einer Klinik – und das Ergebnis war unangenehm, so unangenehm, dass allein die Erinnerung daran starke körperliche und psychische Reaktionen bei ihr auslöst, starke Gefühle.
Genau dafür sind Trigger prädestiniert: Sie deuten ein Ereignis aus der Backstory Ihrer Charaktere an und holen Emotionen hervor. Je eindringlicher diese Reaktionen und diese Gefühle sind, desto gespannter ist der Leser. Er will, nein, er muss wissen, was damals vorgefallen ist.
Trigger sind nicht auf die Vergangenheit begrenzt. Sie können ganz allgemein auch zur Charakterisierung benutzt werden.
Beispiel. Jedes Mal, wenn in einer Diskussion das Wort »Griechenland« fällt, fängt Ihr Held an, von seinem letzten Urlaub auf Santorin zu schwärmen und dass die Griechen ja gar nicht so wären, wie man jetzt in den Nachrichten jeden glauben machen will.
In diesem Fall ist das einfach eine Marotte dieser Figur und gut. Die Psychologie dahinter braucht nicht zu interessieren.
Oder Sie benutzen Trigger, siehe oben das Wollmaus-Beispiel, zur Erzeugung von Witz oder von Dramatik.
In einem findet Dr. Orin Scrivello alias Steve Martin »Der kleine Horrorladen« übrigens seinen Meister: in seinem masochistisch veranlagten Patienten Arthur Denton, gespielt von Bill Murray. Was den meisten anderen ihre Schmerzen sind, das ist für Denton ein Lustgewinn.
Denn auch das können Trigger leisten: Sie grenzen Charaktere voneinander ab, charakterisieren sie oder ihre Beziehung zueinander. Bei dem Weichei oben löst eine Wollmaus Panik aus. Bei seiner Frau den Staubsaugtrieb.
SW
(c) Stephan Waldscheidt 2012
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