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Selbst ein gewaltiger Schmerz ist nicht genug

Freitag, Februar 17th, 2012

Wie kleine Ereignisse die großen Katastrophen in Ihrem Roman vertiefen

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Sie sind eine begnadete Domina, den Knall Ihrer Peitsche hört man noch bis hinauf in die Bestsellerlisten? Und Ihnen macht so leicht niemand etwas vor, wenn es ums Zufügen von Schmerzen, körperlichen wie emotionalen, geht? Ah, Autoren, man muss euch einfach gernhaben. Sie wissen eben, wie Sie Ihre Leser zufriedenstellen – indem Sie sie beinahe ebenso heftig quälen und auf die Folter spannen wie die Charaktere Ihrer Romane.Aber selbst Sie können vielleicht (ich muss vorsichtig sein, ich will ja nicht ausgepeitscht werden) noch etwas dazulernen.

Werfen wir mal einen Blick auf den Protagonisten des Romans von Joachim Hammann, »Die Harmonie der Welt« (Frankfurter Verlagsanstalt 2006). Hauptkommissar Claudius hat es gerade gewaltig erwischt. Er wurde bei einer verdeckten Ermittlung so brutal zusammengeschlagen, dass er mit Gehirnerschütterung, Rippenbrüchen und zweifachem Schädelbasisbruch eine Woche im Koma lag und danach noch einige Zeit mehr in der Klinik verbringen musste. Endlich darf er nach Hause zurück. Doch der Fall, an dem er schon eine Weile dran ist, tritt auf der Stelle, in seiner Abwesenheit haben sich keine neuen Entwicklungen ergeben. Nach seiner Heimkehr aus dem Krankenhaus würde er gerne wieder ein wenig Musik hören, seine große Leidenschaft, guten Jazz. Aber dann …

Er legte die Platte mit zitternden Händen auf den Plattenteller, nahm den Tonarm zwischen zwei Finger, führte ihn vor, ließ ihn einrasten, betätigte den Hebel zum Absenken. Dann begann die Musik. Und dann …
Er kannte das Geräusch – das gurgelnde Verlangsamen. Dann drehte sich der Teller nicht mehr und der Plattenspieler war kaputt.
Nicht heute. Bitte nicht heute, flehte er. Er war zu müde und fühlte sich zu schwach, um den Plattenspieler auseinanderzubauen und nachzusehen, ob er einen mechanischen Fehler entdecken konnte, den er in der Lage war zu reparieren.
Was sollte er in den nächsten Tagen machen? Zerschlagen, mehr oder minder ans Haus gefesselt, gequält von Schmerzen, kaputt von Nächten, sitzend, im Sessel, ohne richtigen Schlaf? Mit Musikhören, seiner Freude, seinem Trost vieler Jahre, war es einstweilen vorbei.
Er wurde aus seinen Überlegungen geweckt, als er den Milchtopf überkochen hörte und Verbranntes zu riechen begann.

So endet die Szene. Das eigentliche Schlimme, das, womit der Autor seinen Helden quälte, die Schlägerei, ist vorüber und überstanden. Joachim Hammann aber lässt es damit nicht bewenden. Er nimmt Claudius auch noch die Musik und dann lässt er zu allem Überfluss (sic!) die Milch überkochen.

Sind diese beiden Ereignisse – kaputter Plattenspieler, angebrannte Milch – angesichts seiner schweren Verletzungen denn nicht so lächerlich, dass man sie einfach weglassen könnte?

[unten geht’s weiter …]
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Und die Textproben? Stehen hier im Blog, werktäglich neu.

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Ich denke, nein. Im Gegenteil. Solche kleineren Ereignisse (letztlich nur weitere Hindernisse auf dem Weg des Helden) sind wichtig. Sie leisten mehr, als die großen Katastrophen bloß zu ergänzen. Wenn sie nur das täten, könnte man sie getrost weglassen.
Nein, diese scheinbaren Kleinigkeiten geben den großen Schmerzen erst Perspektive. Stellen Sie sich das vor wie in einem 3D-Film: Im Vordergrund ragt ein kleiner Gegenstand ins Bild und verleiht dem zentralen Ding in der Bildmitte erst seine Tiefe. Und mehr noch: Die überkochende Milch und das kaputte Plattenspieler machen die Schlägerei, die schweren Verletzungen greifbarer, weil sie sie erden, sie lebendiger und authentischer wirken lassen.

Sehen Sie sich den Roman an, an dem Sie gerade arbeiten oder den Sie gerade lesen. Würde ein kleines Hindernis, das sich dem großen Hindernis im Weg Ihrer Heldin hinzugesellt, letzteres nicht glaubhafter, tiefer und auch schmerzlicher machen?
Und tun nicht auch solche Kleinigkeiten weit mehr weh, wenn sie Ihre Heldin dann erwischen, wenn sie durch die größere Katastrophe sowieso schon geschwächt ist?

Lasst knallen, Mädels und Jungs!

SW

(c) Stephan Waldscheidt 2012

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PS: Ein Gutachten von Exposé oder einer Textprobe aus Ihrem Roman hilft Ihnen weiter - bevor Sie den Roman schreiben oder zumindest bevor Sie ihn an Agenten oder Verlage schicken. Es erspart Ihnen viel unnötige Arbeit in die falsche Richtung, Zeit und Frustration und wird Ihren Roman deutlich stärker machen. Versprochen.

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??? Meine Frage an Sie: Wie sehen Sie das? Reicht ein großer Schmerz? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …