Die Brille als Zeitmaschine
Freitag, Februar 10th, 2012Wie Sie Rückblenden von der Erzählgegenwart Ihres Romans abgrenzen
Heute mal wieder ein kleiner Schriftstellertrick, den ich mir von einem Film abgeschaut habe, »Dame, König, As, Spion« (Großbritannien / Frankreich 2011, Regie: Tomas Alfredson, Drehbuch: Bridget O‘Connor, Peter Straughan nach dem Roman von John LeCarré). Der Film läuft zur Zeit in den Kinos.
Der Regisseur sieht sich mit dem Problem konfrontiert, dass er einen Teil des Films in Rückblenden erzählen muss, die nur Wochen oder Monate vor der Erzählgegenwart liegen und die mit denselben Menschen in denselben Settings spielen. Lägen die vergangenen Ereignisse fünfzig Jahre zurück, hätte er das Problem nicht. Er könnte dem sechzigjährigen George Smiley (Gary Oldman) der Jetzt-Handlung einen zehnjährigen Smiley gegenüberstellen, den er mit einem anderen Schauspieler besetzte.
Regisseur Alfredson greift zu einem ebenso einfachen wie wirkungsvollen Trick, um die beiden Ebenen deutlich sichtbar voneinander abzugrenzen.
Er verpasst Smiley zu Anfang des Films in der Erzählgegenwart eine neue Brille. Der Zuschauer sieht Smiley beim Optiker und wird so auf die Veränderung aufmerksam gemacht. Ohne diese Szene wäre ihm womöglich die neue Brille entgangen. So aber hat er ein stets unübersehbares Zeichen vor Augen (sic!), dass er sich in einer Rückblende befindet. Regisseur und Cutter erleichtert die Brille die Arbeit: Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen über die Blenden von einer Zeit zur anderen.
Tatsächlich ist die Brille eins der besten möglichen Zeichen: Immer, wenn der Protagonist Smiley im Bild ist, ist auch die Brille zu sehen – und da der Film 1973 spielt, im Zeitalter von Pilotenbrillen und Kassengestellen von der Größe der Saturnringe, auch nicht zu übersehen.
Eine Brille macht in dem nichtvisuellen Medium Roman weniger Sinn. Doch eine deutliche Trennung von unterschiedlichen Erzählzeiten ist auch dort oft sinnvoll. Vom direkten Übergang abgesehen, wo die Erzählgegenwart in die Rückblende gleitet und später daraus hervortaucht, machen Signale wie Smileys Brille die jeweilige Zeit lebendiger und für den Leser besser erfahrbar und erinnern ihm immer wieder, wann er sich befindet. Die Möglichkeiten, die Ihnen zur Verfügung stehen, sind unbegrenzt.
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Eine wäre es, Ihren Helden eine bestimmte Handlung vollführen zu lassen.
Beispiel. Ihr Held hat in der Zeit, zu der die Rückblende spielt, den Arm in Gips. Dadurch wird er oft gezwungen, Dinge anders zu tun oder anderes um Hilfe zu bitten. Jede dieser ihm durch den Verband aufgezwungenen Handlungen etabliert die Zeit und grenzt sie von der Erzählgegenwart ab.
Eine weitere Möglichkeit: Sie lassen ihn Dinge sagen, die er in der Erzählgegenwart nicht (mehr) sagt. Etwa ein Schimpfwort benutzen, das er sich abgewöhnt hat, oder eine Anekdote über seine Frau erzählen, mit der er gerne seine Freunde amüsierte. In der Erzählgegenwart aber lebt die Frau nicht mehr und der Held verliert nicht ein Wort über sie, zu groß ist der Schmerz des Verlusts.
Menschen sind die vielleicht wirkungsvollste Methode, Zeiten voneinander abzugrenzen. In der Rückblende lebt die Frau Ihres Helden noch, sie agiert, sie spricht, sie ist präsent. Sie grenzen damit nicht nur die beiden Zeiten ab, sondern schaffen stärkere Emotionen durch den Kontrast: hier die immer spürbare, energische Präsenz, dort die Leere.
Aber auch Dinge wie Smileys Brille sind im Roman vorstellbar. Früher fuhr die Heldin einen Fiat 500. Heute fährt sie Porsche. Wann immer sie sich wieder in ihren Winzling auf vier Rädern zwängt, weiß der Leser, er steckt in einer Rückblende. Achten Sie hier darauf, der visuellen Vorstellungskraft wegen, dass Sie diese Gegenstände in Handlung einbinden. So wirkt ihr Vorkommen nicht nur natürlicher, ihr Leser kann es sich durch die Dynamik der Handlung auch besser vorstellen.
Gerade bei längeren Rückblenden sind solche Anker für den Leser hilfreich, damit ihm die Zeit stets vor Augen bleibt. Ob er ein 73er Kassengestell trägt oder D & G.
SW
(c) Stephan Waldscheidt 2012
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»Dame, König, As, Spion« bei Wikipedia
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??? Meine Frage an Sie: Welche Möglichkeiten fallen Ihnen noch ein, die Rückblende deutlich von der Erzählgegenwart abzugrenzen? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …

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