Archive for the ‘Sprache und Stil’ Category

Ein Roman in 3D

Montag, Februar 13th, 2012

Wie Sie die Grenzen des Mediums für sich ausloten

Mit »Hugo Cabret« (USA 2011; Regie: Martin Scorsese; Drehbuch: John Logan) läuft derzeit ein Film in den Kinos, der endlich wieder mal die Möglichkeiten der 3-D-Technik ausnutzt. Statt einfach nur einen 2-D-Film technisch aufzupimpen, wurde bei »Hugo Cabret« bewusst für 3-D komponiert, seine die Filmsprache an die 3-D-Technik angepasst.
Viele Einstellungen haben einen unscharfen Vordergrund, der dem Bild Räumlichkeit verleiht. Szenen von Räumen benutzen Fluchtperspektiven, die aus dem Bild heraus in den Zuschauerraum verlängert scheinen, etwa ein Geländer in einer Bibliothek oder ein Treppenschacht. Schneeflocken grieseln vor und in der Szenerie und bis ins Publikum hinein – und beziehen den Zuschauer so mit ins Setting ein.

Martin Scorcese nutzt die Möglichkeiten, die ihm das Medium bietet. Tun Sie das bei Ihrem aktuellen Romanprojekt auch? Romane können viel mehr sein als bloß abgetippte Filme.

Achtung! Ab hier lesen Sie auf eigenes Risiko weiter. Die folgenden Anregungen könnten Ihren Erfolg gefährden, denn oft verkaufen sich die Bücher am besten, die auf Nummer sicher gehen und brav Blockbuster nachäffen. Gerade weniger erfahrene Autoren sollten sich für den Anfang nicht zu viel vornehmen.

* Wagen Sie eine komplexe Handlung.
Was ein Film nicht kann und selbst eine TV-Serie nur eingeschränkt: eine in sich geschlossene, dicht verwobene Handlung aus vielen Erzählfäden, Charakteren und Subplots darzustellen. Neunzig Minuten Film reichen dafür kaum. Doch auch gegenüber Fernsehserien hat der Roman Vorteile: Er ermöglicht es dem Leser, sich einem komplexen Stoff in einigen Tagen zu stellen, während Serien, die vielleicht einmal die Woche ausgestrahlt werden, eine vergleichbare Komplexität erst über Monate aufbauen müssen. Und selbst das werden sie kaum tun, weil das Gedächtnis der Zuschauer da nicht mitkäme.

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* Gehen Sie tief und tiefer in Ihre Charaktere hinein.
Der Roman erlaubt das Belauschen von Gedanken, von den intimsten Wünschen und Geheimnissen. Bleiben Sie nicht immer nur an der Oberfläche der Handlung, sondern loten Sie aus, was Ihre Charaktere in ihrem tiefsten Inneren denken und fühlen.

* Reizen Sie die Möglichkeiten der Sprache aus.
Arbeiten Sie mit eindringlichen Sprachbildern, mit Sprachsymbolen mit Mitteln aus Rhetorik und Lyrik wie Hyperbeln oder Alliterationen. Hören Sie auf den Klang Ihrer Worte. Doch achten Sie darauf, dass die Geschichte, die Sie erzählen möchten, nicht dahinter verschwindet. Wenn Sprache Selbstzweck wird, hat sie in einem Roman nichts mehr verloren. Seien Sie mutig, aber bleiben Sie subtil. Finden Sie Wege, wie Sie Ihre Geschichte, Ihr Thema, Ihre Prämisse durch die richtige Sprache noch eindringlicher überbringen können.

* Finden Sie eine Form, die Ihre Geschichte besser transportiert.
Wenn es sinnvoll und effektiv ist, arbeiten Sie mit Listen, Hyperlinks, Grafiken, Zitaten, mit Sperrungen, Versalien, Zwiebelfischen. Variieren Sie die Länge von Kapiteln (zum Beispiel Ein-Wort-Kapitel), die von Szenen oder Sätzen (zum Beispiel Zwei-Seiten-Sätzen). Lassen Sie beispielsweise in einem Kapitel mal jede Handlung weg und arbeiten Sie ausschließlich mit Dialog, auch ohne Sprecherbenennung. Fügen Sie E-Mails ein, Einkaufszettel, Gesetzestexte, Wahlplakate. Werden Sie zum wilden Tier.

* Brechen Sie mit Logik, mit Realismus, mit Grammatik, mit Rechtschreiberegeln, sofern Sie das erzählerisch rechtfertigen können. Am Ende sollte mehr herauskommen als bloß Kunst um der Kunst willen.

Und wenn Sie nichts von alldem tun oder alles wieder streichen, so hat das Nachdenken darüber oder das Ausformulieren einiger zu gewagter Einfälle Sie vielleicht trotzdem ein bisschen mutiger gemacht. Womöglich kommt Ihnen eine schöne Idee, wie Sie innerhalb der Grenzen des Mainstreams bleiben und dennoch für mehr Farbe in Ihrem Roman sorgen können.

Ein Roman ist das, was Sie daraus machen. Machen Sie mehr daraus.

SW

(c) Stephan Waldscheidt 2012

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PS: Ein Gutachten von Exposé oder einer Textprobe aus Ihrem Roman hilft Ihnen weiter - bevor Sie den Roman schreiben oder zumindest bevor Sie ihn an Agenten oder Verlage schicken. Es erspart Ihnen viel unnötige Arbeit in die falsche Richtung, Zeit und Frustration und wird Ihren Roman deutlich stärker machen. Versprochen.

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»Hugo Cabret« bei Wikipedia

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??? Meine Frage an Sie: Welche Möglichkeiten fallen Ihnen noch ein, das Medium Roman voll auszunutzen? Ich bin gespannt auf Ihre Antwort — bitte hier als Kommentar …