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Eisenbach, im Juni 2007
Eine Figur in einem meiner Romane heißt Schollach. Das war, bevor ich Eisenbach-Schollach kannte und drei Monate als Dorfschreiber dort leben sollte. Basil Schollach ist ein undurchsichtiger Typ. Hilft er der Heldin oder hintergeht er sie?
Mein erster Eindruck vom Hochschwarzwald war ein guter - mit sechs verbrachte ich den ersten Urlaub meines Lebens dort. Vierunddreißig Jahre später hatte der Verein Kreatives Eisenbach zum Vorstellungsgespräch geladen, und Schollach präsentierte sich mit miesem Winterwetter und einer engen Wohnung, in der sie ihre Dorfschreiber halten. Im April trat ich mein Stipendium mit mulmigem Gefühl an. Aber was für ein April! Kein Segen für die Bauern, doch für jeden wanderbegeisterten Dorfschreiber. Das Schreiben in dem sonnigen Häusle ging leicht von der Hand, ungestört von Fernsehen, Alltag, Lärm. Nur, wo blieben die Kühe? Und so viel Auto fahren musste ich lange nicht mehr, alles ist so weit weg. Auch misstraue ich Landstrichen, wo es mehr Wassertretanlagen gibt als Kinos, mehr Vereine als Menschen und wo die Gasthäuser durchgehend warme Küche servieren. Prächtige Schwarzwälder Kirschtorte und der gute Kaffee versöhnten mich. Und die Menschen, die ich kennen lernte. Wie das Ehepaar aus Bubenbach, mit dem ich mich anfreundete, oder die Bauernfamilie aus Schollach, meine Gastgeber. Wie die ältere Dame aus Rötenbach, die bei mir anrief und mich einlud, um mir von ihrer Roman-Idee zu berichten. Schade, dass nicht mehr Menschen die Chance ergriffen, ihre Geschichten zu erzählen, Dinge von mir zu erfahren oder bei mir Schreiben zu lernen. Stattdessen kurz vor Schluss: anonyme Vorwürfe, 'man' habe nichts von mir gehört. 'Man' hätte mich nur anrufen brauchen, eine Mail schicken, hätte eine der Lesungen besuchen oder vorbeikommen können auf einen Kaffee, zum Diskutieren, auch zum Kritisieren. Ich war da. Wo war 'man'?
Schreiben vollzieht sich wenig spektakulär. Die Früchte davon sind nie sofort zu ernten, das Verarbeiten der Eindrücke dauert, das Formulieren, das Veröffentlichen. Meine Schwarzwald-Früchte, bisher: einen Roman fertiggestellt, drei neue Romane geplant, Artikel für Zeitschriften, Kurzgeschichten, ein Vortrag, Aphorismen, Gedichte.
Liebe Eisenbacher, wenn ihr im nächsten Jahr mehr von eurem Dorfschreiber hören wollt, dann gebt ihm Gelegenheit, den Mund aufzumachen, kommt auf ihn zu, denn die Gastgeber seid ihr. Zeigt ihm den Sonnenwinkel nicht nur auf Prospekten, sondern im Mundwinkel eures Lächelns.
Übrigens: Die Kühe grasten dann doch noch vor meinen Fenstern, und am Ende entpuppt sich die Romanfigur Schollach als einer der Guten.
(aus der Badischen Zeitung (Hochschwarzwald) vom 23. Juni 2007)
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Karlsruhe, im Januar 2007
Nach dem Autor Leopold Rombach aus St. Peter hat der Verein Kreatives Eisenbach mich zum zweiten Dorfschreiber der Gemeinde Eisenbach im Hochschwarzwald gekürt. Stadt- und Inselschreiber, Bahnwärter und Nachtwächter gibt es viele im literarischen Deutschland - doch nur einen Dorfschreiber, wie mir versichert wurde. So ganz stimmt das wohl nicht: Das selbsternannt erste Buchdorf Deutschlands Mühlbeck-Friedersdorf im Anhaltinischen hat wohl auch einen. Und ich hoffe, noch viel mehr Dörfer werden diesen Beispielen folgen.
Bei einer Ausschreibung galt es, einen Text über Land-Wirtschaft (ja, mit Bindestrich) zu verfassen. Ich beteiligte mich mit der satirischen Kurzgeschichte 'Hand im Zirkusgrund' und wurde vom Vereinsvorstand zu einem ersten Kennenlernen in den Schwarzwald eingeladen. Die Chemie stimmte, und nachdem ich mir mein künftiges Domizil - eine urige Ferienwohnung im Beierleshof im Ortsteil Schollach - angesehen hatte, war die Entscheidung gefallen: Ich würde für drei Monate in den Schwarzwald ziehen, dahin, wo er am schwärzesten ist (und mit 1.000 m über dem Meeresspiegel auch ziemlich hoch gelegen, da hülfe selbst ein klimabedingter Anstieg des Meeresniveaus um ein paar Meter bis zum April nicht viel).
Was, um Himmels Willen, aber tut ein Dorfschreiber? Früher war er schlicht der Gerichtsschreiber eines Dorfes. Der Dorfschreiber im literarischen Sinne tut zunächst einmal und vor allem eins: Er schreibt. Die Arbeit an meinen eigenen Texten soll nicht unterbrochen werden, im Gegenteil; durch den Wechsel der Umgebung, durch die Abgeschiedenheit und das Losgelöstsein aus dem Gewohnten sollten neue Aspekte in mein Schreiben einfließen. Ein Standortwechsel, um Bestehendes neu zu sehen und Neues überhaupt zum ersten Mal.
Dann aber soll der Dorfschreiber natürlich auch etwas für die Gemeinde tun, in der er zu Gast ist. Neben einigen Lesungen werde ich offen sein für Fragen von an Literatur und am Schreiben Interessierten. Vieles ist möglich: Den Menschen das Schreiben näher bringen, vielleicht in einer Schreibwerkstatt, mit Erwachsenen, mit Kindern. Vor einem Publikum zu bestimmten Themen Texte vortragen und diskutieren. Neue Wege suchen ...
Ich bin gespannt auf die Ideen, die an mich herangetragen werden, bin gespannt auf eigene Ideen, von denen einige schon laut nach draußen drängen.
Ein Abenteuer. Mein kleines Schwarzwaldabenteuer.
Ich freue mich. Und ich freue mich auf Sie, liebe Leute aus Eisenbach.
Stephan Waldscheidt
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Über den Autor: Stephan Waldscheidt - Vom kleinen zum alten Hasen. Eine kurze Biografie.
Ein Interview mit mir für die Badische Zeitung (25. Januar 2007) kann man hier nachlesen.
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