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Vom kleinen zum alten Hasen
von Stephan Müller
'Ich bin der kleine Hase. In diesem alten Baum ist meine Höhle.' So beginnt das erste Buch von Stephan Waldscheidt - das er selbst gelesen hat. Er war drei Jahre alt. Aus dem Hasen wurde schnell eine Leseratte und alte Bäume und der Wald sein liebstes Refugium. Nicht zuletzt sein Name, ein Pseudonym, ist dieser Liebe entsprungen.
Eine Rattenkarriere in ausgewählten Stationen: Struwwelpeter, Donald Duck, Spiderman, Fünf Freunde, Karl May, Perry Rhodan, Schullektüre, Herr der Ringe ... Die Ratte futterte sich durch Comics, Romane, Schund und Weltliteratur und brauchte bald immer dringender ein Ventil für all die Geschichten, die sich mit dem Leben vermengten. Als sich das Ventil öffnete, war aus der Leseratte ein Autor geworden.
Erst als 25jähriger BWL-Student begann Waldscheidt seine ersten ernsthaften Schreibversuche. Schon bald stieß er an seine Grenzen - nicht an die von Ideen und Phantasie, sondern an eine technische: Besseres Handwerkszeug musste her. Zunächst schien diesen Anforderungen der Umstieg von der Schreibmaschine zum PC zu genügen, doch bald wurde klar, dass eine wesentlichere Technik fehlte: Das Handwerkszeug eines guten Autors. Ratgeber-Bücher, Kurse und immer wieder das Lesen guter Literatur halfen weiter. Der Lohn: 1999 wurde ein Berliner Verlag auf Waldscheidt aufmerksam. Sein erstes Buch, eine Sammlung mit Erzählungen unter dem Titel 'Weitgehend Höllenfahrten' erschien.
In seinem anderen Leben hatte Waldscheidt derweil sein Studium in Saarbrücken als Diplom-Kaufmann abgeschlossen und zog vom Saarland aus in die weite Welt - nach Baden. Von 1995 an arbeitete er dort bei verschiedenen Unternehmen als Marketing-Spezialist, nebenher fleißig schreibend und von einer Karriere als Autor träumend, der allein von der Schriftstellerei leben kann.
Die Wende kam 2003. Da wurde die Firma, für die er arbeitete, von heute auf morgen geschlossen. Waldscheidt nutzte die Chance - jetzt oder nie - und wagte den Sprung in die Freiberuflichkeit. Als studierter Ökonom natürlich nicht ohne Geld von der Arbeitsagentur und ein paar vielversprechende Projekte im Rücken. Er konzentrierte sich voll aufs Schreiben, schrieb neben seinen Romanen Glossen und Kurzgeschichten, die in Zeitschriften und Newslettern veröffentlicht wurden.
So wie er als Leser die unterschiedlichsten Autoren und Genres schätzt (etwa Stephen King, Dan Simmons, John Irving, John Updike, E. Annie Proulx, Max Frisch, Douglas Adams, Friedrich Ani), so deckt auch sein Schreiben stilistisch und inhaltlich vieles ab - düstere Erzählungen, spannende Kurzgeschichten, ebenso irrwitzige wie treffende Satiren, Nonsensgedichte und Aphorismen, literarisch anspruchsvolle Prosa und mitreißende Romane -, denn auch das Leben ist denkbar vielseitig.
2005 erschien sein zweites Buch 'Die Hartz-Krieger - Das finale Rettungsbuch für Deutschland und seine Arbeitslosen', eine Parodie auf all die klugen Ratgeber, die angeblich wissen, wie man der Arbeitslosigkeit zu Leibe rücken muss, und die sich am Leid der Arbeitssuchenden eine goldene Nase verdienen; auch ist das Buch eine Satire über die abstrusen Möglichkeiten, mit denen das Land sich aus der Misere befreien könnte. Deutschland hat irgendwie überlebt, aber zur Sicherheit hat jedes Mitglied des Bundestages den Waldscheidt immer am Mann und an der Frau (weil nützlicher als das Grundgesetz). Nun ja, schön wär's.
2006 sollte das bislang erfolgreichste Jahr für den Autor Stephan Waldscheidt werden. Dem Förderverein deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg gefiel das Konzept für Waldscheidts neuesten Roman so gut, dass er die Arbeit daran mit einem Stipendium unterstützte. Auch heimste Waldscheidt 2006 gleich zwei Literaturpreise ein - für seine Geschichte über einen alten, aber gewitzten Obdachlosen erhielt er von der österreichischen Marktgemeinde Hard einen der bestdotierten Preise für Kurzprosa im gesamten deutschsprachigen Raum. Das wichtigste für ihn war jedoch die Veröffentlichung seines Buches 'Schreib den verd... Roman - Die simple Kunst, einen Bestseller zu verfassen', ein Antiratgeber, eine Parodie auf Autorenratgeber und eine Satire auf den Literaturbetrieb, über den eine begeisterte Leserin sagte: 'Alles, was Sie schreiben, ist wahr'. Eine andere meinte nur: 'Es war ein Genuss, das Buch zu lesen.'
Um seine beiden letzten, noch unveröffentlichten Romane - von denen einer übrigens in einem kleinen Dorf im Hochschwarzwald spielt - kümmert sich seit kurzem eine etablierte literarische Agentur aus Berlin; so ist es jetzt nur noch eine Frage der Zeit, bis beide Titel bei großen deutschen Verlagen erscheinen und den Namen Waldscheidt auch einem größeren Publikum bekannt machen werden.
Im Jahr 2007 feiert Stephan Waldscheidt seinen 40sten Geburtstag (und wird spätestens dann vom kleinen zum alten Hasen). Von April bis Juni wird er in Eisenbach, im Beierlishof in Schollach, Quartier beziehen und sich dort hoffentlich ebenso wohl fühlen wie der kleine Hase in seiner Baumhöhle (mit einem entscheidenden Unterschied: Waldscheidts Behausung hat sogar einen Kachelofen). In den drei Monaten in dieser für ihn neuen, inspirierenden Umgebung will er unter anderem an einem Roman und einigen Kurzgeschichten arbeiten; interessierten Menschen aus Eisenbach können Einblicke in seine Arbeit erhalten und Kunst und Handwerk des Schreibens näher kennen lernen. Neben einigen Lesungen sind weitere literarische Schmankerln geplant. Lassen Sie sich überraschen.
PS: Das Buch 'Der kleine Hase' von Richard Scarry und Ole Risom ist, nach 39 Auflagen im Ravensburger Buchverlag, seit ein paar Jahren vergriffen. Umso dringender braucht die Welt neue Geschichten. Wie wäre es, wenn auch Sie die eine oder andere erzählten?
(c) Stephan Müller 2007
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