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Endlich abgeschrieben: Die Zukunft der Literatur
Spüren Sie das, ganz sanft auf Ihrer Haut? Riechen Sie diese Brise, frisch riecht das und neu, ja, nach Anfang. Frühling? I wo. Ich meine den frischen Wind, der durchs Literaturland weht. Diesen herrlichen Duft, das nie zuvor Gerochene darin, das verdanken wir einer jungen Frau, die wir der Einfachheit halber 'Frau Hegemann' nennen wollen. Endlich bläst jemand den Muff aus den Köpfen der Autoren und den Staub aus ihren Tastaturen, endlich sagt ihnen jemand, dass so etwas wie plagiieren, oder, mal banal gesagt, so etwas wie abschreiben, gar nicht schlimm ist. Damit nicht genug. Das sich schamlose Bedienen an den geistigen Ergüssen anderer, das Verschweigen von Quellenangaben, das sich anschließende Dumm-oder-unschuldig-oder-beides-Stellen, das alles macht die Literatur der Gegenwart erst aus!
An dieser Stelle möchte ich eine Lanze brechen für Google, jenes innovative Unternehmen, das mit seiner Mentalität des bedenkenlosen Kopierens von allem, was nicht schnell genug den Aus-Schalter am Computer findet, erst den Humus für solche Avantgardisten wie unsere Frau Hegemann gelegt, gelüftet und mit Würmern angereichert hat.
Ganz und gar keine Lanze gebrochen sei für das Copyright. Ich schlage vor, es in Copy-&-Paste-Right umzubenennen und es jedem zugänglich zu machen. Das Urheberrecht möge sich als abgeschafft betrachten und in ein Heberrecht transformiert werden. Eigentum muss wieder Diebstahl werden!
Zurück zu Ihnen, ja, zu Ihnen als Autorin und Autor. Sie, denen einfach keine halbwegs originelle oder wenigstens unterhaltsame oder allerwenigstens gescheite Idee kommen will, Sie dürfen in dieser frischen Brise befreit aufatmen. Um Literatur zu erschaffen, bedarf es keiner eigenen Ideen mehr, die Literaturwissenschaftler der Zukunft werden die Qualität und Bedeutung eines Schriftstellers daran messen, wie abgegriffen die Strg-Taste, das C und das V auf der nachgelassenen Tastatur sind. Und recht so! Wie ließe sich Gegenwart besser einfangen, als wenn man sie möglichst unverfälscht in seine Texte übernimmt? Sich von fremden Sätzen lediglich 'inspirieren' zu lassen, ist ein völliges No-No. Denn was bliebe von der Wirklichkeit noch übrig, wenn sie jeder durch die Brille der eigenen Gedanken und Gefühle filterte?
Apropos Filter. Ein Dank geht ans Feuilleton, das an dieser Entwicklung, wie immer selbstlos, seinen Anteil hatte. Vor allem einer Kritikerin sei gedankt, nennen wir Sie der Einfachheit halber 'Frau Radisch', die nicht nur unserer Frau Hegemann und ihrer Art der Literaturproduktion die Absolution erteilt, sondern auch gleich die wahren Schuldigen an der Affäre ausgemacht hat: die alten Männer des Literaturbetriebs, die einfach zu gestrig und chauvinistisch sind, ein weibliches Genie zu erkennen, selbst wenn man sie mit der Nase hineinstößt (das bitte jetzt nicht bildlich verstehen).
Mal ehrlich: Ist es Ihnen nicht auch lieber, wenn sich die Kritiker miteinander beschäftigen als mit Literatur? Dann sagt schon mal keiner, Ihr Buch wäre misslungen.
Überhaupt, schlechte Kritiken! Die gehören für immer der Vergangenheit an. Jeder Autor wird künftig einfach die gelobten Stellen aus gepriesenen Büchern in seine eigenen Werke übernehmen und sich so unangreifbar machen. Welcher alte Mann des Literaturbetriebs würde sein eigenes, früheres Urteil in Frage zu stellen wagen?
Nach einer kurzen Übergangszeit, in der jeder Autor Stellen aus anderen Büchern auf andere Weise zusammenstellt, wird schließlich Einigkeit einkehren darüber, was nicht nur gut, sondern was am besten ist. Warum vom Zweitbesten klauen, wenn auch der Beste nur zwei Tastaturbefehle entfernt wartet? Im Jahr 2029 schließlich wird jedes Buch (ob E- oder P-) sich immerhin noch in der Aufmachung, im Namen des Autors und im Verlagslogo unterscheiden. Und natürlich im Preis, denn die Preisbindung (eine Erfindung der alten Männer des alten Literaturbetriebs) wird ebenfalls obsolet geworden sein.
Doch auch diese Phase wird nur eine Übergangszeit sein. Um sich von anderen abzuheben, werden den Büchern Gimmicks beigelegt (wie Bratpfannen, Gutscheine für Thai-Massagen oder Einfamilienreihenmittelhäuser in der Goethestraße), sie werden mit Bildern bis hin zu kompletten Animationsfilmen in 4-D aufgemotzt (gepimpt, wie man heute sagt, aber in dreißig Jahren ist der Menschheit hoffentlich ein eleganteres Wort für den Vorgang des Aufhübschens eingefallen), und bald wir jemandem einfallen, dass man auf diese störenden Wörter zwischen den Bildern, den Videos und Heckspoilern eigentlich verzichten könnte, die sehen ja sowieso in jedem Buch gleich aus.
Im Jahr 2039 dann (zufällig, und doch praktischerweise das Jahr, in dem, einer Studie der Unesco zufolge, die Lesefähigkeit der Menschheit so erloschen sein wird wie eine Zigarre von Hemingway), werden die Bücher nicht mehr ein einziges Wort enthalten. Sollte dies nicht das endgültige Aus jeglicher Plagiatsvorwürfe bedeuten? Im Gegenteil, sie werden erst richtig losgehen, wie ein Auszug aus der öffentlichen Medienwolke (Web 9.0) im Jahr 2049 beweist:
Frau Radisch (90): 'Der junge (sic!) Autor (sic!) Urs Gaugler verzichtet in seinem neuen Buch auf dieselben Wörter, auf die bereits die Autorin Pippi Pröllochs in ihrem letztes Jahr erschienen Buch verzichtet hat. Wie muss dieser junge, doch in seinem Inneren verknöcherte alte Mann die Frauen verachten, um auf eine solche ebenso billige wie brachiale Methode der schamlosen Aneignung fremden geistigen Eigentums zurückzugreifen! Wenigstens ist die beiliegende Bratpfanne echt prima, oder pimpig, wie man heute wohl sagt.'
Aufmerksamere Literaturkritiker der Zukunft werden indes das Versiegen der Wörter bejubeln. Jetzt muss sich jeder Leser sein eigenes Buch erfinden, eine eigene Geschichte ausdenken! Der ein oder andere von ihnen wird womöglich auf den Gedanken kommen, seine Geschichte aufzuschreiben. Dafür empfehle ich unbedingt den alten Strebertrick aus der Schule: Beim Schreiben Blatt oder Bildschirm mit Körper und Arm so abdecken, dass der Nebenmann (oder die Nebenfrau, was komischerweise eine ganz andere Bedeutung hat, aber ich schweife ab) nicht abschreiben kann. Man kann nie wissen, ob er nicht vielleicht ein Enkel unserer Frau Hegemann ist. Selbst wenn er nicht mehr ganz so frühlingshaft frisch riecht.
Nachtrag: Die reale Vorlage unserer Frau Hegemann hat ja den Preis der diesjährigen Leipziger Buchmesse nicht gewonnen. Den hat ihr ein alter Mann des Literaturbetriebs weggeschnappt. Aber auf den Märkten in Antalya oder Hongkong gibt es Kopien des Preises, die sind genau so schön und viel billiger zu haben.
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