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Bleibt alles anders: Die neue Federwelt 
(Glosse) 

 
 


Bleibt alles anders: Die neue Federwelt

 



Redaktionskonferenz der Federwelt, Sommer 2006 - keiner der Redakteure ahnt, dass es die letzte sein wird. Während man über die Signifikanz der Peristaltik im Werk Hans Henny Jahnns streitet, rauscht die (nicht eingeladene) Verlegerin Sandra U. in den Raum und knallt ihre Kontoauszüge auf den Tisch. Eben noch hoffnungslos zerstritten, kommen die Damen und Herren der Redaktion jetzt rasch zu einem einhelligen Urteil: Das sieht nicht gut aus.


'Meine Kinder sollen studieren.' Die Verlegerin stöhnt. 'Aber die Studiengebühren! Und dann würde ich gerne mal wieder woanders Urlaub machen als einmal im Jahr in Klagenfurt.' Ihre Verzweiflung wird übergangslos zu diesem stahlharten Blick, dieser leichten Verkrampfung des Unterkiefers, die in der Redaktion gefürchtet ist.
'Wir könnten den Preis erhöhen', schlägt einer schüchtern vor.
Ein Blick der Verlegerin genügt; der Redakteur wird die nächsten drei Wochen mit Erektionsproblemen zu kämpfen haben.
'Billigeres Papier, weniger Seiten', sagt eine andere. Mit einem leisen Tock! landet ihr Kopf (blondiertes Haar) im nächsten Papierkorb. 'Wenn sie doch einmal ihren Müll trennten*!', ist alles, was die Putzfrau später dazu sagen wird.
'Nackte Weiber, nackte Kerle', ruft eine und verzieht sich unter den Tisch, wo schon zwei Kollegen zittern.
'Ich sehe, wir kommen der Sache näher', sagt die Verlegerin und wischt sich die blutverschmierte Handkante an ihrem sauteuren Prada-Kostüm ab (wäre das wirklich nötig gewesen, 1.200 Euro?).
'Ein Relauch, genau', sagt einer der beiden Unter-dem-Tisch-Nachbarn und streckt den Kopf unter der Tischdecke heraus - letztes Jahr rang er in den Everglades mit Alligatoren, das Jahr davor war er durch Pamplona gerannt, doch ob diesen neuerlichen Wagemuts stöhnen die anderen Redakteure auf.
'Ein Relaunch?' In die Augen der Verlegerin tritt ein Funkeln.


Ein Relaunch also. Relaunch ist Marketing-Sprech und heißt in den meisten Fällen so viel wie 'alter Wein in neuen Schläuchen'. Im Fall der Federwelt heißt es: Alles wird noch besser, noch größer, noch bunter, noch moderner und nackter ... und was der Komparative mehr sind.
Konkret bedeutet das ein noch genaueres Eingehen auf die Zielgruppe und, in seiner Wichtigkeit nicht zu überschätzen, das Heranbilden von jungen Menschen zu nicht mehr so jungen Federwelt-Lesern, Verzeihung: Usern.
Das war gestern. Heute halten Sie die erste Ausgabe der neuen Federwelt in Händen - doch das ist lediglich der erste Schritt auf dem Weg zu weiteren, bahnbrechende Neuerungen, die Sie in den kommenden Monaten erwarten ...

Als nächstes wird der Name der Zeitschrift geändert. Künftig heißt die Federwelt - Pen World. And that's good so. Denn, seien wir ehrlich, auch uns Älteren über 30, die wir uns daran gewöhnt haben, im Basement von Stores unser Convenience Food zu shoppen, missfällt allmählich das Treudeutsche des Namens - und nicht einmal die Fußball-WM samt neuerwachtem Nationalstolz hat etwas ändern können. Mit dem cooleren Namen (Brand) wird aber nicht nur der Grundstein für ein zeitgemäßeres Erscheinungsbild (Image) gelegt, sondern auch die Voraussetzung geschaffen, den englischsprachigen Markt zu penetrieren. Verlegerin und Redaktion visieren die erste amerikanische Ausgabe (Issue) für das Jahr 2022* an.

Schließlich durchläuft auch das Titelbild (Cover) eine optische Frischzellenkur (Upgrade) - und das wäre es auch schon. Moment, sagen Sie, was ist mit dem Inhalt?, fragen Sie. Inhalt? Ach, Sie meinen den Content. Dazu vielleicht später mehr. Bleiben wir zunächst beim Cover.

Zielgruppenanalysen haben ergeben, dass 71% der Leserschaft (Readers) der Federw... Verzeihung, der künftigen Pen World weiblichen Geschlechts (Sex) sind. Dem wird insofern Rechnung (Bill) getragen, dass zwei von drei Ausgaben Männer (Chippendales) auf dem Titel herzeigen werden. Tiefeninterviews brachten darüber hinaus ans Licht, dass sich die durchschnittliche Leserin den Mann schön, jung, gut gebaut, leicht bekleidet und in einer offensichtlich (aber nicht zu offensichtlich) sexuellen Pose wünscht, die ein Buch, einen Laptop oder Orlando Bloom (Wow) mit einbezieht. Um einen Bezug zum Thema sicherzustellen, werden nur Männer abgebildet, die tatsächlich etwas mit Literatur zu tun haben, wie Zeitungsausträger, Drucker, Friseure von Schriftstellerinnen oder Leichenbestatter. Der Vorschlag einer Redakteurin, auf zwei von drei Ausgaben der Pen World Frank Sch., Schwarm aller Buchgroupies über 45, abzubilden, nackt wie die Tiefsee ihn schuf, musste wegen zu hoher Lizenzgebühren für die Bildrechte fallen gelassen werden.
Mein Vorschlag, jede dritte Ausgabe der Pen World mit einem Foto der Autorin Silke Scheuermann*** zu schmücken, wird derzeit in der Redaktion noch diskutiert.

Inhaltlich setzt sich die Pen World das Ziel, Stars aufzubauen. Regelmäßige Artikel, Hintergrundberichte, Home Storys, Fotoromane und nicht zu offensiv eingestreute Auszüge aus dem Oeuvre machen aus den attraktiven Analphabeten von heute die sexy Literaturhelden von morgen und demontieren sie anschließend gleich wieder - und das alles zwischen Frühjahrs- und Herbstprogramm!****

Daneben konnten einige prominente Zeit- und ZEIT-Genossen gewonnen (und einer für hoffentlich immer verloren) werden. Die Redaktion hofft, in Bälde Ersatz rekrutiert zu haben, der dem Alter der Zielgruppe um zumindest fünfzig Jahre näher kommt:

Marcel Reich-Ranicky zeichnet auf unbestimmte (Lebens-)Zeit für die Glosse 'Tod eines Kritikers' verantwortlich.
Iris Radisch übernimmt die Lifestyle-Sparte und stört dort nicht weiter, wird aber auf einem schönen Foto ihre schöne Grübchen zeigen.
Sigrid Löffler wird in jeder Ausgabe die zwei oder drei Sätze oder Wörter veröffentlichen, die sie bei der Überarbeitung der eigenen Artikel für ihr Magazin LITERATUREN gestrichen hat.
Helmut Karasek hat Kolumnenverbot. Dies wird durch einen fetten, roten Stern aus dem Cover kenntlich gemacht: 'Garantiert Karasek-frei'. Allein durch diese Maßnahme erhoffen sich die Blattmacher eine Verdopplung der verbreiteten Auflage. Den Aufkleber gibt es, als Merchandising-Artikel, auch für den Fernseher daheim.
Harry Rowohlt liest die neuesten Klingeltöne fürs Autorenhandy und überhaupt auch sonst alles, was Buchstaben hat. Exklusiv in der nächsten Ausgabe: Rowohlt liest die Buchstabensuppe von Knorr.
Susanne Fröhlich ('Moppel-Ich') gibt Tipps zum Ab- und Zunehmen sowie zum Aufreißen von Männern, Frauen und Fertiggerichte-Verpackungen (einschließlich Knorr-Buchstabensuppen). Ihr Lebensgefährte Gert Scobel (3sat) kommentiert die Rubrik mit wohlwollender Ironie und erläutert ihren philosophischen Hintergrund gewohnt eloquent.
Peter Handke betreut die Rubrik 'Gewinnspiele und Preise' (Ein Pen World Abo, wenn Sie wissen, was 'eloquent' heißt) mit einem Schwerpunkt auf serbischen Lügenmärchen.

Selbstverständlich erscheinen wie schon in der Federwelt auch in der neuen Pen World Gedichte und Short Storys junger, vielversprechender Autoren (so lange sie der Redaktion für den Abdruck viel Geld versprechen). Darüber hinaus macht sich das relaunchte Magazin zur Aufgabe, Gerüchte über lebende Autoren in die Welt zu setzen und tote Autoren zu beleidigen, die sich nicht mehr wehren können. Virginia Woolf war meiner Meinung nach übrigens eine snobistisch-depressive Borderline-Victorianerin, auch wenn Thomas Hettche das anders sieht, dem einige doch tatsächlich ein metaliterarisches Verhältnis mit Burkhard Spinnen andichten wollen - unglaublich.

Im Service-Teil beantwortet Doktor Suhrkamp alle Fragen zum uferlosen Thema Autorenliebe und Autorenpartnerschaft. Um Zusendung möglichst saftiger Fragen wird gebeten.
Hier zwei der Redaktion bereits vorliegende Briefe:

Sören I. schreibt:
'Lieber Doktor Suhrkamp, ich habe ein Buch im Verlag X veröffentlicht, das so gut war, dass es nur 12 Leser fand. Trotz dieses Ausweises meiner Genialität will mein Verlag sich von mir trennen. Was soll ich tun? Ich hatte eigentlich vor, dasselbe Buch in Abwandlungen jedes Jahr zu veröffentlichen bis zu meinem Ableben und meiner Wiederauferstehung im Literaturarchiv Marbach. Gibt es denn keine treuen Verlage mehr?'

Judith H. schreibt:
'Lieber Doktor Suhrkamp, ich habe solche Angst vor dem ersten Mal. Bisher habe ich nur Kurzgeschichten geschrieben, aber mein Verleger möchte jetzt, dass ich mit ihm 'aufs Ganze' gehe. Was kann ich tun, dass mein erster Roman eine schöne Erfahrung für mich wird, an die ich auch im Sommerhaus, später, noch gerne zurückdenken kann?'

Sie sehen, die neue Pen World wird als ein fulminanter Mix starten aus allem, was den modernen Autor bewegt. Freuen Sie sich auf weitere spannende, nützliche und voyeuristische Beiträge. Und lernen Sie schon mal unser neues Motto (Motto) auswendig:

'Sharpen your pen, women and men: It's your Pen World!'

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*) Bei der Federwelt verwenden sogar die Putzfrauen den Konjunktiv II korrekt.
**) Für Filmfans: Dass die erste amerikanische Ausgabe ausgerechnet im Jahr 2022 erscheinen soll, ist purer Zufall und hat nichts mit dem Film 'Jahr 2022 - Die überleben wollen' (orig. Soylent Green, USA 1973, mit Charlton Heston und Edward G. Robinson in seiner letzten Rolle) zu tun, der mit dem Gänsehaut-Spruch endet: 'Soylent Grün ist Menschenfleisch'.
***) Hallo Silke! Ich wollte schon immer mal einen Kaffee mit Dir trinken, weil ich Dich so süß finde. Melde Dich doch mal: web@waldscheidt.de.
****) Sorry, Herr Stuckrad-Barre, aber Sie sind dafür inzwischen zu alt.

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Erschienen in: Federwelt Nr. 60, Oktober | November 2006 © SW 2006

 
 

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